Möglichkeiten und Grenzen von IoT im Gesundheits- und Sozialwesen | Teil 3

healthblog-iot-im-gesundheits-und-sozialwesen-akquinetNachdem die Möglichkeiten von IoT-Anwendungen im Gesundheits- und Sozialwesen mit dem Fokus der Seniorenpflege in zweiten Teil der dreiteiligen Beitragsserie dargestellt und an Beispielen erläutert wurden, werden wir uns im dritten Beitrag mit den Grenzen und aktuellen Hürden beim Einsatz von IoT-Anwendungen im Gesundheits- und Sozialwesen beschäftigen.

Grenzen von IoT-Anwendungen im Gesundheits- und Sozialwesen

Die Möglichkeiten sind groß und dennoch finden digitale Chancen wenig Anwendung. Auf der Fachtagung „Praxisdialog Krankenhaus-IT und -Medizintechnik 2018“ wurde angenommen, dass die Möglichkeiten von IoT-Anwendungen im Gesundheits- und Sozialwesen aktuell nur zu ca. 20 % Prozent genutzt werden.[1]

Der folgende Beitrag 3 behandelt die möglichen Grenzen, die die Implementierung von IoT-Anwendungen im Krankenhaus- und Pflegebereich hindern können, um zu verstehen wo Hürden abgebaut werden müssen, wenn die Chancen von IoT-Anwendungen mehr Einsatz finden sollen. Im Folgenden werden die Grenzen in technische sowie datenschutzrechtliche Grenzen und in die beschränkte Akzeptanz durch die Anwender unterteilt.

Technische- und Datenschutzgrenzen

Ideen für IoT-Anwendungen im Krankenhaus- und Pflegebereich gibt es viele, die Art der Umsetzung, Einführung und Nutzung/Wartung kann jedoch die Entwicklung von neuen Lösungen vor Herausforderungen stellen. Die Technik muss sehr robust und stabil sein sowie alle notwendigen Schnittstellen anbinden können. Vonseiten des jeweiligen Gesundheits- oder SozialunternehmensEinrichtung muss eine stabile Netzanbindung allzeit verfügbar sein. Bezüglich des Einsatzes von Robotern für die Ausführung von Pflegetätigkeiten sind die Forschungen und Entwicklungen in Deutschland noch nicht serienreif.[2] Außerdem fehlt es aktuell an Finanzierungskonzepten, um serienreife Lösungen entwickeln zu können.[3]

Durch die im Mai 2018 in Kraft getretene Datenschutzgrundverordnung sind datenschutzrechtliche Vorlagen konkretisiert und Verstöße dagegen werden stärker verfolgt. Durch den Einsatz von IoT-Anwendungen im Krankenhaus- und Pflegebereich müssen neben der Sicherstellung des Datenschutzes für Mitarbeiter*Innen unbedingt die Pflegedaten der pflegesuchenden Personen (PII, Personally Identifiable Information) geschützt werden.[4] Die Implementierung von unterschiedlichen miteinander verbundenen IoT-Anwendungen bietet auf den ersten Blick mehr Fläche für Cyber-Angriffe. Die Anforderungen an die IT-Sicherheit steigen damit.[5] Nach einer Studie aus dem Jahr 2017 von Roland Berger waren 64 Prozent aller Krankenhäuser in Deutschland bereits Opfer eines Cyber-Angriffs. Da die Folgen eines Cyber-Angriffs auf Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen besonders hoch sein können, werden Einrichtungen ab einer bestimmten Größe als sogenannte kritische Infrastrukturen, KRITIS, bezeichnet. Diese Einrichtungen müssen nach der KRITIS-Verordnung außerordentlich stark vor potenziellen Cyber-Angriffen geschützt werden. Die Einführung von neuen IoT-Anwendungen bedarf deshalb einer absoluten Verfügbarkeit und höchster Sicherheit, wofür Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen auf spezialisierte IT-Unternehmen angewiesen sind.[6]

In Bezug auf die elektronische Patientenakte bestehen ebenfalls höchste Datenschutzrichtlinien, die einzuhalten sind. Es muss zwingend sichergestellt werden, dass PII-Daten nur im Besitz des Patienten selbst sind und auf seinen Wunsch hin weitergegeben werden. Außerdem muss geklärt werden, wie eine Anonymisierung und Pseudonymisierung der Daten gewährleistet werden kann, um die Daten für die geplanten medizinischen Forschungen nutzen zu können.[7]

Folgend wird beleuchtet, ob die Akzeptanz der potenziellen Anwender gegeben ist und welche Herausforderungen diese sehen.

Beschränkte Akzeptanz durch Anwender

Ob IoT-Anwendungen im Krankenhaus- und Pflegebereich erfolgreich eingesetzt werden können, ist neben den technischen Faktoren, abhängig von der Akzeptanz durch die Anwender. Anwender können in diesem Fall Pflegekräfte oder die gepflegten Personen sein. Aus Sicht der Pflegekraft ist eine Ablehnung durch den vermuteten aufkommenden Mehraufwand durch beispielsweise Datenerhebung, Datenauswertung und hohen administrativen Aufwand zu befürchten. Außerdem ist die Abhängigkeit von Systemen, die eventuell unzuverlässig arbeiten werden, eine große Hürde.[8] Potenzielle Nutzer zeigen Hemmungen vor der Auseinandersetzung mit den neuen Systemen.[9] Für den Pflege- und Beziehungsprozess sehen Pflegekräfte durch die Implementierung von IoT-Anwendungen im Krankenhaus- und Pflegebereich eine potenzielle Verfremdung, weil die Interaktions- und Beziehungsarbeit in den Hintergrund gerät und die Kontaktzeit für einen Pflegeprozess gekürzt wird.[10]

Die digitalen Anwendungen führen zu einer gesteigerten Transparenz der gesamten Arbeitsschritte und somit zu Überwachungsmöglichkeiten der Mitarbeiter*Innen.[11] Rationalisierungseffekte und der Abbau von Arbeitsplätzen ist in der Pflege durch mehr Nutzung von digitalen Möglichkeiten eine Sorge, wie in vielen anderen Branchen.[12] Es fehlt somit die Akzeptanz und Sensibilisierung der potenziellen Anwender über den entstehenden Nutzen durch IoT-Anwendungen im Krankenhaus- und Pflegebereich.[13]

Vonseiten der pflegesuchenden Personen sind teilweise Befürchtungen, wie die eben genannten auch bei den Pflegekräften vorhanden. Die pflegesuchenden Kunden erwarten durch die Einführung und partielle Übernahme von Pflegeaufgaben eine Verfremdung und weniger persönliche Betreuung durch den Menschen.[14] Ihre Privatsphäre und Datensicherheit sehen die Gepflegten durch den Einsatz von IoT-Anwendungen als gefährdet. Insbesondere bei AAL-Systemen können Schwierigkeiten oder Hemmungen vor der Nutzung der Unterstützungssysteme entstehen. Die Technik ist für die Anwender neu und benötigt Anwendungsstudien, um die Annahme durch die Anwender zu überprüfen.[15]

Vorliegende Studien, wie z. B. die der Bitkom (vgl. Abbildung 2: Mehr als die Hälfte offen für digitale Helfer in der Pflege.), zeigen, dass der Einsatz von Robotern in Deutschland von noch 57 Prozent der Befragten eher oder sogar ganz abgelehnt wird. 44 Prozent der Befragten wünschen sich gar keinen verstärkten Einsatz von digitalen Hilfsmitteln in der Pflege.[16]

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Abbildung 2: Mehr als die Hälfte offen für digitale Helfer in der Pflege.
Quelle: Bitkom, Digitale Pflege, 2018.

Wenn also die Anwender der implementierten IoT-Anwendungen und/oder die Kunden der Pflege die Veränderungen ablehnen, ist die Einführung neuer Anwendungen mit Hemmnissen verbunden.

Schlussbetrachtung

Die Einführung von IoT-Anwendungen im Krankenhaus- und Pflegebereich zeigt unterschiedliche Möglichkeiten und verschiedene Grenzen, die eine erfolgreiche Implementierung neuer digitaler, intelligenter Anwendungen aktuell noch hindern. Die Relevanz der Recherche und Entwicklung von neuen Ideen zur Lösung des sich verschärfenden Fachkräftemangels im Gesundheitswesen bedarf einer schnellen Auseinandersetzung mit dem Thema, um die zukünftig ansteigenden Pflegeaufkommen gewährleisten zu können. Die Digitalisierung und Entwicklung von IoT-Anwendungen sind im Gesundheits- und Sozialwesen ein potenzieller Weg, um die Pflegekräfte, Ärzte, soziale und gesellschaftliche Assistenz in ihrer Arbeit zu unterstützen und ihnen somit die notwendige Zeit für die Pflege und Assistenz von Menschen zu geben. Der diskutierte Ansatz von AAL-Technologien kann einerseits den Menschen ihre gewünschte Selbstständigkeit ermöglichen und den Gesundheits- und Sozialunternehmen mehr Platz sowie Zeit für die Pflege in der stationären Behandlung und Assistenz um beruflichen und sozialen Raum geben. Der Einsatz von Transportrobotern kann laut Hersteller die Arbeit im Gesundheitswesen stark unterstützen. Die Emotionsrobotik ist zu aktuellem Zeitpunkt jedoch noch kaum einsatzfähig und wird von den Anwendern sehr kritisch betrachtet. Wie in Deutschland weiter Forschungen in diese Richtung gehen werden, ist  leider im Vergleich zum europäischen und internationalen Entwicklungsstand aktuell nur sehr bedingt absehbar. Die besonderen Datenschutzanforderungen, wie beispielsweise durch KRITIS und den Umgang mit PII, erfordern von Gesundheitseinrichtungen spezielle Einhaltungen von Datenschutzrichtlinien. Dies stellt die Gesundheitsbranche im Vergleich zu anderen Branchen vor ganz andere Herausforderungen. Aus diesem Grund dauert die Umsetzung von digitalen Ansätzen länger und die Notwendigkeit neuer Anwendungen wird stärker hinterfragt. Aktuell sind die technischen Herausforderungen große Hürden für die Gesundheitsbranche und die Akzeptanz der Anwender ist zu dieser Zeit noch nicht vollständig geklärt. Vorliegende Studien zeigen ganz unterschiedliche Ergebnisse, ob Anwender Interesse an Entwicklungen von IoT-Anwendungen im Krankenhaus- und Pflegebereich haben.

Dennoch ist der Ansatz von IoT-Anwendungen im Krankenhaus- und Pflegebereich eine unabdingbare und notwendige Entwicklung, die weiterverfolgt werden muss, denn sie bietet Chancen, um dem schon aktuellen Fachkräftemangel entgegenzuwirken und den Mitarbeiter*Innen zumindest eine Unterstützung zu bieten. Laut aktuellem Forschungstand kann die notwendige Fachkräfteanforderung nicht rein durch digitale Hilfsmittel gelöst werden, dafür müssen neben IoT-Anwendungen weitere Lösungsansätze verfolgt werden. Neben dem Ziel der Unterstützung von Pflege- und Assistenzkräften, bieten IoT-Anwendungen viele weitere Synergien, die bei der Diskussion um die Einführung mit beachtet werden sollten. Diese Synergien sollten beim Beantragen von Forschungsgeldern mit Beachtung finden, um Entwicklungen von IoT-Anwendungen im Gesundheits- und Sozialwesen in Deutschland und deren Chancen voranzutreiben und langfristig davon zu profitieren.

Gastautorin: Kristina Achmerow, akquinet AG, zuständig für das Marketing im Gesundheits- und Sozialwesen

 

Literaturhinweise:

[1] Vgl. KGNW, Chancen und Risiken, 2018.

[2] Vgl. DAA-Stiftung Bildung und Beruf, Digitalisierung Pflege, 2017, S. 31.

[3] Vgl. INQA, Prognos, 2015, S. 11.

[4] Vgl. DAA-Stiftung Bildung und Beruf, Digitalisierung Pflege, 2017, S. 19.

[5] Vgl. Datenschutz.org, IT-Sicherheit, 2018.

[6] Vgl. Böttcher, S., Cyber-Angriff, 2019.

[7] Vgl. Cho, S., Gläserne Patient, 2017.

[8] Vgl. INQA, Prognos, 2015, S. 23.

[9] Vgl. Stralau Ventures GmbH, AAL Deutschland, o. J.

[10] Vgl. INQA, Prognos, 2015, S. 23.

[11] Vgl. DAA-Stiftung Bildung und Beruf, Digitalisierung Pflege, 2017, S. 19.

[12] Vgl. INQA, Prognos, 2015, S. 23.

[13] Vgl. INQA, Prognos, 2015, S. 11.

[14] Vgl. INQA, Prognos, 2015, S. 23.

[15] Vgl. Stralau Ventures GmbH, AAL Deutschland, o. J.

[16] Vgl. Bitkom, Digitale Pflege, 2018.

Das Literaturverzeichnis finden Sie hier.

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